Blutegeltherapie? Iiiih, wie eckelig!!!

 

 

 

 

Stimmt gar nicht! Abgesehen davon, dass sie für die Therapie verschiedenster Krankheiten ungemein wirkungsvoll sind, sind die kleinen „Schlangen" beim genaueren Betrachten auch noch sehr hübsch anzusehen. Das einzig Anstößige ist, das sie Blut saugen, aber genau deshalb sind so wirksam.


Die Blutegel-Therapie ist eine der ältesten Heilmethoden der Welt; bereits 5 Jahrhunderte v. Chr. wurde sie angewendet. Im Ägypten der Pharaonen und auch in der griechisch-römischen Klassik wurden Blutegelbehandlungen durchgeführt.
Leider wurde der Einsatz der Blutegel Anfang des 19. Jahrhunderts übertrieben, man sprach sogar von Vampirismus. Wegen ihres zu Unrecht erworbenen schlechten Rufes und wegen der Verlagerung auf medikamentöse Behandlungsformen wurde die Blutegel-Therapie als traditionelles Naturheilverfahren immer mehr vernachlässigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie fast vergessen; glücklicherweise wurde die hochwirksame Kraft der kleinen Egel aber in den 90er Jahren wiederentdeckt.
Durch die heutigen modernen Analysemethoden konnten viele Wirkmechanismen der Speichelinhaltsstoffe des medizinischen Blutegels aufgeklärt werden.

Wirkungsweise der Blutegel-Therapie:
Die Wirkung der Therapie resultiert aus der Zusammensetzung der Saliva (Egelspeichel). Man weiß heute, dass in dem Speichel mindestens 40 verschiedene Substanzen mit unterschiedlichen Funktionen enthalten sind. Wirklich erstaunlich hierbei ist, dass Blutegel diese Substanzen willentlich ausschütten können.
Neben der gerinnungshemmenden Wirkung des Hirudins und des Calins findet man entzündungshemmende und schmerzstillende sowie gefäßerweiternde und lymphstrombeschleunigende Substanzen. Auch immunisierende und antibiotikaähnliche Stoffe wurden nachgewiesen.

Hauptinhaltsstoffe und ihre Wirkung:

Hirudin:
gerinnungshemmend, erhöht die Leukozyten-Aktivität, vermutlich diuretisch (fördert den Harnfluss)
Calin:
gerinnungshemmend, bewirkt die lange Nachblutung
Eglin:
antiphlogistisch (entzündungshemmend)
Orgelase:
Spreading factor, verschafft anderen Wirkstoffen Platz im Interstitium,
mucolytisch (schleimlösend) im Wundbereich
bakterizid (Bakterien abtötend)
verstärkt den Blutstrom im Saugbereich
Histaminähnliche Subtsanz:
gefäßerweiternd um die Bissstelle
Aeromonas hydrophila (Darmsymbiont):
produziert Antibiotika-ähnliche Substanz
Lipide:
verhindern den Wundschluss

Die Blutegel-Therapie erfolgt immer symptombezogen, wobei schon die Zusammensetzung des Speichels einen Anhaltspunkt für die Indikationen gibt.
Prinzipiell können Blutegel bei allen Entzündungsformen hilfreich sein. Der Blutegelbiss wirkt wie ein schonender Aderlass, er hat eine allgemein antithrombotische, immunisierende und entzündungshemmende Wirkung, einen spasmolytisch Effekt im Gefäßbereich und wirkt lymphstrombeschleunigend.
Der medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis officinalis) ist in der Tierheilkunde bei folgenden Erkrankungen einsetzbar:

  • Akute Hufrehe (Pferd)
  • Arthritis (akute Gelenksentzündung)
  • Arthrose (Degeneration des Gelenkknorpels mit Entzündungsphasen)
  • Schleimbeutelentzündungen
  • Tendinitis/Tendovaginitis (Sehnen-/ Sehnenscheidenentzündungen)
  • Hüftgelenkdysplasie
  • Ellenbogendysplasie
  • Diskopathie (Bandscheibenvorfall)
  • Spondylose
  • Abszesse
  • Ödeme
  • Hypertonie (bedingt durch schlaffe Bänder)
  • Myogelosen (wulstförmige Muskelverhärtungen)
  • Schlecht heilende Wunden
  • Prellungen, Quetschungen, Stauchungen

 

Kontraindikationen

  • Starke Blutarmut (Anämie)
  • Immunschwäche
  • Wundheilungsstörungen
  • Diabetes mellitus
  • Gerinnungshemmungsstörung (Bluter)
  • Bekannte allergische Reaktion auf Wirkstoffe des Blutegels
  • Tiere die eine geschwächte allgemeine Konstitution aufweisen
  • Tiere, die gerinnungshemmende Medikamente verabreicht bekommen
  • Tiere unter einem Gewicht von 7 kg  Trächtigkeit
  • Fortgeschrittene Lebererkrankung
  • Extreme Allergiker, besonders gegen Eiweiße
  • Viruserkrankungen
  • Herzinsuffizienz
  • Starker Durchfall
  • 48 Stunden vor einer OP

 

Zunächst einmal: Der Biss eines Blutegels ist nicht wirklich schmerzhaft. Verständlich, denn Egel haben in der freien Natur kein Interesse daran, überhaupt bemerkt zu werden. Ob zur Schmerzlinderung ein Anästhetikum im Speichel enthalten ist, ist umstritten. Die Bisse werden wie "Brennnesselstiche", "Mückenstiche", "ein leichtes Ziehen", "Einstiche von Injektionsnadeln" oder sogar als völlig schmerzfrei beschrieben. Ein im Verlauf der Behandlung mögliches, leichtes Jucken - ähnlich wie bei einem Mückenstich - geht auf histaminähnliche Substanzen zurück.
Der Biss ist auch durch die „Bisstechnik" wenig schmerzhaft: 3 sternförmig angeordnete Sägeleisten mit jeweils ca. 80 Kalkzähnchen raspeln sich vorsichtig durch die Haut, um zum Ziel der Wünsche - dem Blut - zu gelangen. Zwischen den Kalkzähnchen sind Öffnungen, durch die die SALIVA, der Blutegelspeichel abgegeben wird.

Hat der Egel einmal gebissen und saugt das Blut, bleibt er so lange dort, bis er von allein wieder abfällt. In der Regel dauert das etwa 20 bis 30 Minuten. Nachdem der vollgesaugte Egel von der Haut des Patienten abgefallen ist, blutet die Wunde stark nach. Dies ist erwünscht und dauert bis zu 6 Stunden. Hier findet tatsächlich ein sanfter Aderlass statt. Außerdem wird die Wunde dabei von Sekundärinfektionen gereinigt.

Ein ganz wichtiger Punkt zum Schluss:
Jeder Blutegel, der einmal zu medizinischen Zwecken eingesetzt wurde, darf kein zweites Mal verwendet werden. Auch wenn es grausam erscheinen mag, entweder man tötet die kleinen Tiere nach erfolgter Therapie, oder man gönnt ihnen ein kleines Rentnerbecken.

 

Egel haben viele positive Eigenschaften:

  • Sie sind nicht gierig, eine Mahlzeit genügt für 1 bis 2 Jahre (wer kann das schon von sich behaupten?).
  • Sie besiedeln nur reinstes Wasser.
  • Sie sind schön; ihre Rückenzeichnung ist einmalig; ihr eleganter Schwimmstil gleicht dem eines Delphins.
  • Ihr Biss ist wenig schmerzhaft.
  • Sie reinigen die von ihnen gesetzte, sternförmige Wunde.
  • Ihre Speicheldrüsen sind frei von Krankheitskeimen.

 

Seit weit mehr als 450 Millionen Jahren (dann verlieren sich ihre Spuren in der Evolution) währt die Entwicklungsgeschichte der Blutegel. Und offenbar haben die ihnen gegenüber bestehenden Vorurteile sie keinesfalls davon abgehalten, durch ständige "Innovationen" heilende Wirkung bei denen zu entfalten, von denen sie etwas wollen:
Bei uns Säugetieren!